Unser Medienportal:
Für eine verantwortungsvolle Medienarbeit.

Hier informieren wir

  • über Möglichkeiten und Grenzen sich mit dem Thema des Suizids, der Suizidalität und der Suizidprävention öffentlich auseinanderzusetzen und
  • worauf bei einer verantwortungsvollen Berichterstattung zum Schutz der Betroffenen zu achten ist. 

Wir möchten Medienschaffende zu einer differenzierten und sachlich fundierten Darstellung anregen, mit der sie wesentlich zur Suizidprävention beitragen können.

Für Medienschaffende und Interessierte haben wir hier zahlreiche Informationen zusammen gestellt. Hier auf der Startseite finden Sie aktuelle Pressemitteilungen (ältere in unserem Archiv) und unsere Empfehlungen für die Berichterstattung über Suizide. Informationen zum Pressekodex, Empfehlungen der WHO und des NaSPro finden Sie im Download Bereich. Melden Sie sich gerne für unseren Newsletter an und folgen Sie uns auf Twitter. Sie haben weitere Fragen, möchten ein Interview führen oder benötigen weiterführende Informationen? Kontaktieren Sie uns gerne!

Die Medien und ihre Wirkung.

Aus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass die mediale Darstellung von Suiziden weitere Suizide zur Folge haben kann. Dies gilt besonders auch für die Verbreitung von evtl. bisher weitgehend unbekannten oder „exotischen“ Suizidmethoden. In den Tagen nach dem Suizid von Robert Enke im Jahr 2009 hat es einen deutlichen Anstieg von Suiziden nach dem gleichen Muster gegeben, nach Datenlage sogar auch noch einmal nach der Gedenkfeier. Das bedeutet nicht, dass über Suizide und die Suizidproblematik nicht berichtet werden sollte. Entscheidend ist die Art der Berichterstattung.

PRESSEMITTEILUNGEN

05. September 2022: Pressekonferenz zum Welttag der Suizidprävention

Pressemappe


20. Juni 2022: Mehr als 40 Institutionen und Fachgesellschaften fordern Suizidpräventionsgesetz!

Pressemitteilung


30. November 2021: Suizidstatistik für das Jahr 2020 wurde veröffentlicht

Pressemitteilung Suizidstatistik


Ältere Pressemitteilungen finden Sie in unserem Archiv. 

 

EINE BITTE AN DIE MEDIEN

Natürlich wünschen wir uns, dass Sie über das Problemfeld Suizidalität berichten. Der Suizid ist ein tabuisiertes Thema. Deshalb sollte nicht verschwiegen werden, wenn es sich bei einem Todesfall um einen Suizid gehandelt hat. Dennoch möchten wir Sie darum bitten, die sensible Natur dieser Berichte zu berücksichtigen. Auch Menschen, die suizidgefährdet sind und die Hinterbliebenen nach einem vollendeten Suizid lesen Ihre Berichte. Auf diese kann – abhängig von der Art der Berichterstattung – die Rezeption der Veröffentlichungen negative, aber ggf. auch positive Auswirkungen haben. (Eine Kurzinformation zum Gesamtkomplex Suizidalität finden Sie hier)

Die Medien haben eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft bei der öffentlichen und individuellen Wahrnehmung von Problemen und Ereignissen. Sie haben Einfluss auf die individuellen und gesellschaftlichen Haltungen und Meinungen zur Suizidalität und zum Suizid. Die Art und Weise der Berichterstattung in den Medien kann deshalb einen Einfluss auf die Häufigkeit suizidaler Handlungen haben.

Die Mehrheit der Menschen, die einen Suizid erwägt, ist dieser Entscheidung gegenüber ambivalent eingestellt. Im Vordergrund steht häufig nicht der Wunsch zu sterben, sondern die Vorstellung so wie bisher nicht weiterleben zu können. Die betroffenen Personen befinden sich in einem extremen krisenhaften emotionalen und psychischen Ausnahmezustand. In dieser Situation können Medienberichte über Suizide sowohl den Entschluss oder Impuls zum Suizid als auch zur Suche nach Hilfe beeinflussen

Besonders nach einem Suizid bekannter Persönlichkeiten und dem Suizid jüngerer Menschen besteht die Gefahr von Folgesuiziden (der sog. Werther-Effekt). Dies betrifft vermutlich vor allem Menschen, die schon suizidgefährdet sind oder sich mit der durch Suizid verstorbenen Person verbunden fühlen. Nachfolgesuizide erfolgen nicht selten am gleichen Ort und nach der gleichen Methode.

Im Folgenden möchten wir Ihnen Hinweise für eine der Sensibilität des Themas angemessene Berichterstattung geben.


Empfehlungen zur Berichterstattung über Suizide

Prüfen Sie bitte, ob der Suizid wirklich eine Nachricht ist, die publiziert werden muss.

Auch bei einem Suizid prominenter Persönlichkeiten sollte überlegt werden, ob die Meldung auf die Titelseite gebracht werden muss bzw. eine „TOP News“ ist und für welche Details wirklich ein öffentliches Interesse besteht.


Vermeiden Sie bitte, ein Foto der betroffenen Person zu veröffentlichen und den Suizid als besonders „spektakulär“ oder „bizarr“ hervorzuheben

z.B. wenn eine besondere Methode verwendet wurde oder er möglicherweise „über das Internet verabredet“ war. Gerade bislang vergleichsweise unbekannte Suizidmethoden können durch die Berichterstattung verbreitet werden.


Vermeiden Sie bitte, den Ort und die Methode des Suizides detailliert zu beschreiben oder durch Bildmaterial hervorzuheben.

Besonders diese Darstellungen können zu Nachfolgesuiziden an dem jeweiligen Ort oder nach der jeweiligen Methode führen. Im ungünstigen Fall könnte der Suizidort zu einer „Gedenkstätte“ werden die langfristig Nachfolgesuizide stimulieren kann. Beschreiben Sie bitte in keinem Fall eine Suizidmethode als „sicher“ oder den Suizid als „schönen Tod“.


Berichten Sie bitte vom „Suizid“ oder „Selbsttötung“ und nicht von „Selbstmord“ oder „Freitod“.

Ein Suizid ist keine kriminelle Handlung, der Suizident „ermordet“ sich nicht aus niedrigen Beweggründen, so wie es der Begriff nahelegt. Ähnliches gilt für den Begriff „Bilanzsuizid“. Der Suizid wird hier als das Ergebnis einer rationalen Abwägung der Lebensumstände begriffen. Es wird bezweifelt, dass diese Form des Suizides überhaupt vorkommt. Ein Suizid ist meist der Endpunkt einer psychischen Krise und großer innerer Not. Dieser psychische Zustand legt kaum die Möglichkeit einer “freien Entscheidung“ nahe. Auch ist es ein Vorurteil, dass, wer Suizidgedanken habe, unbedingt sterben wolle. In der Regel kann der Todeswunsch als Ausdruck einer subjektiven erlebten Ausweglosigkeit verstanden werden, welche den Blick auf die Möglichkeiten des Weiterlebens blockiert.


Vermeiden Sie bitte, Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.

Abschiedsbriefe werden in einer besonderen psychischen Situation geschrieben. Sie betreffen sehr häufig Dritte und können das Gefühl der Verbundenheit mit dem durch Suizid verstorbenen Menschen und Gefühle der Ausweglosigkeit bei anderen suizidgefährdeten Menschen verstärken.


Vermeiden Sie bitte, den Suizid als nachvollziehbar, positiv, billigend oder romantisierend (im Tod mit der Liebsten vereint) darzustellen.

Fast alle anderen Menschen überstehen schwere Schicksalsschläge ohne sich das Leben zu nehmen. Dies gilt besonders für den Suizid älterer oder schwerkranker Menschen.


Vermeiden Sie bitte einfache Erklärungen.

Ein Suizid ist nie auf eine einzelne Ursache zurückführen. Er ist immer der Endpunkt einer komplexen und krisenhaft erlebten inneren Entwicklung, an deren Ende der oder die Betroffene psychisch nicht mehr in der Lage ist, einen anderen Ausweg für sich zu erkennen. Weder ein einzelnes Ereignis noch das Vorliegen einer psychischen Erkrankung erklären alleine einen Suizid. Vermeiden Sie bitte Schuldzuweisungen. Ein Suizid hat die Eigenschaft, die Suche nach Schuldigen nach sich zu ziehen. In der Regel wird diese Suche den Umständen eines Suizids nicht gerecht.


Wenden Sie sich an ausgewiesene Experten und Expterinnen zur Suizidalität, holen sie keine „Ferndiagnosen“ ein

Diese finden Sie zum Beispiel in den Organisationen der Suizidprävention und haben einen entsprechenden wissenschaftlichen und praktischen Hintergrund. Sie können Ihnen allgemein Auskunft über generelle Fakten zur Suizidalität und zu Suiziden geben. Im Falle des Suizids einer bestimmten, besonders öffentlich bekannten, Persönlichkeit kennen sie aber nicht die Entwicklung und Faktoren, die zu einem Suizid führten. Diese Kenntnisse sind nur in einem umfangreichen persönlichen Kontakt zu gewinnen. Deshalb werden Ferndiagnosen wie „Die Person nahm sich das Leben, weil ...“ i.d.R. nicht seriös sein.“


Vermeiden Sie, einen Suizid als durch Social Media hervorgerufen zu dramatisieren.

Informationen oder Kontakte aus dem Internet sind nur ein Aspekt einer suizidalen Entwicklung und absolut nicht quantifizierbar. Da heutzutage nahezu jeder im Internet recherchiert oder Teil von Social Media ist, lässt sich dies bei nahezu jeder Vorgeschichte eines Suizids annehmen (und nicht in jedem Fall in negativer Art und Weise). Vermeiden Sie es bitte auf Internetseiten und Foren, die Suizidmethoden propagierend, hinzuweisen oder vor Ihnen zu warnen. Die „Warnung“ dürfte eher als „Werbung“ für solche Internetangebote dienen und besonders für junge Menschen problematisch sein.


Nehmen Sie bitte Rücksicht auf die Situation der Hinterbliebenen und Angehörigen.

Der Suizid oder der Suizidversuch ist für die Angehörigen häufig ein schwerer Schock. Er hinterlässt Trauer und oft Gefühle von Schuld, Hilflosigkeit, Ohnmacht, nicht selten vermischt mit Affekten von Ärger und Wut über das Verlassenwerden. Die Angehörigen befinden sich in der Regel selbst in einer psychischen Ausnahmesituation und benötigen Unterstützung. In dieser Situation erscheint ihnen der Suizid häufig als unverständlich oder sie suchen nach extremen oder einfachen Erklärungen. Deshalb sollten Äußerungen von Angehörigen nicht als Erklärung des Suizids oder Suizidversuchs verstanden werden.

 

WIE KANN DARÜBER HINAUS ÜBER DIE SUIZIDPROBLEMATIK BERICHTET WERDEN

Für die Rezipierenden hilfreich sind Hinweise über den allgemeinen Hintergrund von Suizidgefährdungen, auf regionale und überregionale Hilfsangebote, auf Warnsignale und Risikofaktoren sowie die Auswirkung des Suizids auf die Hinterbliebenen.

Folgende Informationen können das Verständnis für die Suizidproblematik fördern und eventuell auch einen positiven Einfluss auf die Häufigkeit suizidaler Handlungen haben

Berichten Sie über Hintergründe der Suizidgefährdung und Möglichkeiten der Hilfe.

Dazu gehört der Hinweis, dass der Suizid kein unvermeidbarer Tod im Rahmen einer suizidalen Krise ist. Er kann jedoch als ein Zeichen für psychische Probleme (aber nicht unbedingt für eine psychiatrische Erkrankung) verstanden werden, die prinzipiell überwindbar sind. Oft können die Betroffene aufgrund ihrer psychischen Verfasstheit jedoch die Krise weder selbst bewältigen noch Hilfe suchen oder annehmen. So ist es für die Suizidgefährdeten selbst und besonders auch für die ihnen nahestehende Personen - hilfreich, Informationen über regionale und überregionale (therapeutische) Hilfsangebote und Handlungsmöglichkeiten im Notfall zu erhalten. Berichte über erfolgreich überwundene suizidale Krisen und Interviews mit Fachpersonal können darüber hinaus das Verständnis und die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten fördern.


Berichten Sie über Warnsignale und Risikofaktoren.

Ein Suizid geschieht selten ohne vorherige Hinweise. Gerade für nahestehende Personen von potentiell suizidgefährdeten Menschen ist der Hinweis auf mögliche Warnsignale und Risikofaktoren für suizidale Handlungen bedeutsam, um in einem Gespräch eine Klärung zu suchen bzw. sich selbst hinsichtlich der Handlungsmöglichkeiten von Fachpersonal beraten zu lassen. Dass durch das Ansprechen der Suizidgefährdung ein Suizid erst ausgelöst wird, gilt als ein Mythos.

Berichten Sie über Menschen, die ihre suizidale Krise überwunden haben.

Die Kenntnis, dass suizidale Krisen überwunden werden können, kann suizidpräventiv wirken. Diese Berichte können von Betroffenen kommen, aber auch von therapeutischem Fachpersonal, Mitarbeitenden von Beratungsstellen und klinischen Einrichtungen. Gehen Sie dabei besonders sorgfältig mit betroffenen Menschen um und erkunden Sie, was es für diese Menschen bedeutet, mit ihrer Suizidalität in der Öffentlichkeit zu erscheinen.


Berichten Sie über das Leid der Hinterbliebenen und ihre Trauer.

Nahestehende Angehörige, Mitmenschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, Personen aus dem schulischen oder kollegialen Umfeld etc. geraten durch den Suizid oft selbst in eine schwere psychische Krise. Der Trauerprozess nach einem Suizid kann mehrere Jahre dauern. Hinweise auf therapeutische Angebote und Selbsthilfegruppen sind auch in diesem Fall angemessen. Berichte über Hinterbliebene können schon allein deshalb hilfreich sein, da sie deutlich machen, dass sie kein isoliertes einzelnes Schicksal erleiden. Auch Menschen mit Suizidgedanken erhalten Informationen über die Folgen des Suizids bei ihnen nahestehenden Menschen. Interviews mit Hinterbliebenen sollten allerdings grundsätzlich nur mit jenen geführt werden, bei denen der Suizid schon länger zurück liegt, die den Trauerprozess mehr oder weniger bewältigt haben, jedoch nicht mit jenen in der aktuellen Krise.